Walter Spielmann

Zeit umhüllen mit einer sublimen Haut oder Effizienz und Nachhaltigkeit – (k)ein Kriterium bildender Kunst?

Anmerkungen zu zwölf Objekten von Hans Schmidt Dr. Walter Spielmann ist Leiter der Robert Jungk Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg

Wenn es zutrifft, wie Martin Heidegger meinte, dass in jedem Kunstwerk die Welt neu erschaffen wird, um dem Betrachter als Interpretationsmodell zu dienen, dann sind wir eingeladen, in den Arbeiten von Hans Schmidt, ein Stück Welt neu zu entdecken.

Lassen wir uns darauf ein:

„Unzulängliches in etwas Bemerkenswertes zu verwandeln“, ist Hans Schmidt ein zentrales Anliegen – eine nur scheinbar einfache (künstlerische) Bescheidenheit signalisierende Aussage, die zu näherer Prüfung einlädt. Genauer betrachtet – oder zumindest einer möglichen Leseart folgend –, schließt der Künstler damit an die Ästhetik des Aristoteles an, für welchen am Ausgangspunkt seiner Kunstreflexion der Begriff der techné in zweifacher Bedeutung steht. Zum einen im Sinne der Vervollkommnung der als unzulänglich empfundenen Natur (das ist schlicht die heutige Technik), zum anderen im Sinne einer Imitation ihrer wesentlichen Charakterzüge (das ist Kunst im weiteren Sinne). Greift man diese Bestimmungsmerkmale auf, so erschließen sich die hier zur Diskussion, mehr noch zur Betrachtung einladenden Objekte auf geradezu unmittelbare Weise.

Hinsichtlich des primären Technikgedankens, die „Verbesserung der Natur“, kann die Arbeitsweise des Künstlers beim Wort genommen werden. Denn von Beginn an war das scheinbar Belanglose, das dem Überfluss – und vielfach auch dem Überdruss – unserer Konsumgesellschaft anheim Gefallene ihm wertvoll. Indem er in vorangegangenen Arbeiten etwa Alteisen, Bleche und Verpackungsmaterial – zu denken ist hier vor allem an die meist großformatigen, aus Wellpappe gestalteten Reliefbilder,, suggestiven Landschaften vergleichbar – zum Ausgangspunkt seines kreativen Schaffens macht, leistet Schmidt einen Beitrag auch zum aktuellen ökologischen Diskurs. In der Diskussion und praktischen Umsetzung von „Ressourceneffizienz“, die die Herstellung all der uns umgebenden „Gerätschaften“ mit einem möglichst geringen Einsatz von Material und Energie zum Ziel hat, weist die kreative Umformung des schon Ausgeschiedenen auf einen bislang kaum reflektierten Mehrwert der Malerei hin. So gesehen ist Hans Schmidt ein gleichermaßen effizient arbeitender wie nachhaltig zu Werke gehender Künstler. Tausende, nur scheinbar wertlose Parkettholzstücke hat er in diesem Zyklus verwendet, um (s)eine neue Welt entstehen zu lassen.

Bei der Erkundung und Interpretation des gleichermaßen fremden und doch zugleich auch vertrauten Terrains sind wir nicht gänzlich alleine gelassen. Denn mit dem Begriff „Zeithüllen“, den Schmidt dem Ensemble von zwölf Objekten zugeordnet und dem Katalog als Motto vorangestellt hat, liegt ein Schlüssel zum Verständnis dieses Werkzyklus bereit.

Wie eine magische Chiffre verweist „Zeithüllen“ zum einen auf den Verlauf des künstlerischen Schaffens. „Die Parkettholzstücke“, berichtet Schmidt, „wurden oft um vorgefertigte Drahtformen geschichtet und verleimt. Bei dieser Arbeit, die ein großes Zeitmaß verlangt, war für mich der Entstehungsprozess genau so wichtig wie das Resultat. Das Aufschichten der Holzteile hatte oft meditative Wirkung, auf die ich mich immer freute“.

Zum anderen- und hiermit kommt der zweite Aspekt der Aristotelischen techné ins Spiel – ist das Ensemble der hier vorgestellten Objekte als ein Thema in zwölf Variationen zu begreifen. Denn mit den in der Sphäre des Natürlichen wie auch der Kunst archaischen Grundmustern „Ei“ und „Kugel“ verfügt Hans Schmidt gleichsam über „Urformen“ des Seienden, die er in Größe, Gestalt und Oberflächenbehandlung kreativ „durchführt“. Auch darüber gibt ein Werkstattbericht Auskunft „Zu Anfang wollte ich die Objekte nur dort schichten und leimen, wo beim Betrachten das Zusammenfallen in der Vorstellung Platz greifen kann. Später hat das Zersägen, Flämmen oder auch Hobeln der Hülle immer mehr Interesse geweckt“.

Die Gewicht und Dauer ebenso wie Leichtigkeit und Transzendenz (des Zeitlichen) repräsentierenden Objekte – die größten in dieser Reihe durchmessen annähernd zwei Kubikmeter und sind doch alle von erstaunlicher Transparenz – laden zu Grenzziehungen und –überschreitungen ein. Innen- und Außenwelten berühren einander, was auch darin zum Ausdruck kommen mag, dass man sich den Objekten von außen nähern, sie aber auch von innen auf sich wirken lassen könnte. „Zeithüllen“, verstanden auch als Einladung zur Erprobung neuer Perspektiven ...

Ganz entscheidend trägt der Ort dieser Präsentation zu der außerordentlichen Wirkung der „Schichtungen“ bei. In ihrer kompositorischen Struktur erscheint die Ausstellung ganz und gar auf die spezifische Architektur des Raumes vom Wilhelm Holzbauer sowie dessen Lichtgestaltung hin abgestimmt, mit dessen geometrischer Strenge und Transparenz sie in kontrapunktischem Gegensatz steht. So erschließt sich dem/der Betrachter/in eine neue Welt, auf die sich einzulassen, er/sie über den Moment der unmittelbaren Begegnung hinaus eingeladen ist.

Walter Spielmann