Tina Teufel

Mehr als die Summe ihrer Teile

Von Mag. Tina Teufel Kuratorin im Museum der Moderne, Salzburg

Diskurse und Dialoge gehören in der Kunst zum täglichen Brot. Ohne sie scheint keine Bearbeitung künstlerischer Intentionen und Ausformungen möglich zu sein. Der Diskurs über Kunst wird seit den 1990er Jahren intensivst strapaziert. Mitunter scheint die mündliche oder schriftliche Abhandlung wichtiger zu sein, als das Werk selbst; ein Diskurs kann immer nur ein Aspekt einer künstlerischen Arbeit sein.
Der Dialog ist ein Begriff, der uns auch aus den Nachrichten bestens bekannt ist: Es gibt Dialoge zwischen Parteien, zwischen Ländern, zwischen religiösen und staatlichen Häuptern. Meist sind Dialoge halböffentliche Gespräche mit dem Ziel, unterschiedliche Meinungen an einem Tisch zu bringen und diesen mit einer Einigung zu einem Thema oder eine Problem zu verlassen.
Hans Schmidt geht es nicht nur um bestimmte Problemstellungen, gezielte Diskussionen oder auf ein Thema limitierte Kommunikation, es sind das allgemeine Mitteilungsbedürfnis und seine unterschiedlichen Ausdrucksweisen, die ihn interessieren. Obschon er seinen Figuren und Gruppen sehr genaue, aufschlussreiche Titel gibt, sie bestimmten Themen unterstellt, ist er darauf bedacht, verschiedene Ideen zu thematisieren. Den Terminus „dialog“ hat er vorrangig aufgrund der werkimmanenten Kommunikation, der psychologischen Feinheit ihrer Sprache mit sich selbst, mit der Umgebung, der Vermittlung einer Idee an die Betrachterin als Titel für seinen Katalog gewählt. Das das Wort „Dialog“ Zwiegespräch oder Meinungsaustausch bedeutet, ist gemeinhin bekannt; das Präfix „dia“ bedeutet aber auch „durch“. Betrachtet man die neuesten Arbeiten von Hans Schmidt, so wird man merken, dass dieses kleine Wortspiel durchaus eine herausragende Bedeutung in seinem Werk innehat.

Wie ein Ziegel zu einem haus, ein Steinchen zu einem Mosaik, ein Farbtupfer zu einem Gemälde werden kann, so verhält es sich mit den kleinen Holzstückchen, die Hans Schmidt zu seinen lebensgroßen Figuren verarbeitet. Sie werden über ein Gerüst aneinander geklebt, das wieder entfernt wird. Übrig bleibt ein Holzmantel, der organisch wirkt, Licht- und Schattenspiele zulässt, zu vibrieren scheint und mitunter auch Ein- und Durchblicke ermöglicht. Wie der Mensch wächst und durch äußere Einflüsse geprägt und beeinflusst wird, so werden die gewachsenen Figuren bearbeitet, mit einer Geschichte, einer Bedeutung versehen. Die Körper erhalten eine menschliche Form, ohne identifizierbare Physiognomien nachzuempfinden. Dadurch bleiben sie fern jeglichen Realismus. Manchmal werden sie von Hans Schmidt „durchlöchert“, farbig gefasst, mit Applikationen ergänzt und erzählen mit ihrer Betitelung von der Beschäftiung des Künstlers mit einem bestimmten Thema. Zu diesen gehören Wahrnehmung, Farbe, Körperlichkeit, zeit oder gesellschaftliche Codes. In diese teilt er auch seine Werk- und Figurengruppen ein. Er weist ihnen damit genau definierte Orte, Existenzbereiche und Interpretationsstränge zu. Die Entstehung der Figuren bleibt dabei immer nachvollziehbar. Der Prozess wird nicht kaschiert und verschleiert. Lediglich die kleinen Lücken werden mitunter mit Leim verschlossen, um eine homogenere Farbfassung zu gewährleisten.

Insbesondere das Organische des Holzes interessiert den Künstler und brachte ihn dazu, sich in seinem Schaffen gänzlich diesem Material zu widmen. Das Holz „arbeitet“ auch nach dem Tod des Baumes, dem es entstammt, weiter. Daher sieht Hans Schmidt Holz als etwas Lebendiges an, das die Intention der Kommunikationsgeste unterstreicht. Hans Schmidt hinterfragt Volumina: Woraus bestehen sie? Wie definieren sie sich? Können sie auch scheinbar leeren Raum, Zwischenräume, Lücken darstellen?
Mit diesen Fragestellungen beschäftige sich Hans Schmidt auch schon in seinem früheren Werk. Ähnlich Alfred Haberpointner untersuchte er abstrakte Volumina und bearbeitete diese zunächst aus einem Stück. Zentral war ihm schon damals die Frage der Textur der Werke ein Anliegen. Die Behandlung der Oberfläche, die – ähnlich seiner Malerei – haptisch wahrnehmbare Spuren hinterlässt: durch brennen, sägen oder hacken. Der künstlerische Gestus ist als Spur auf den Werken deutlich sichtbar. Der Arbeitsprozess ist dem Dargestellten gegenüber vorrangig: die Auseinandersetzung mit der Materie und dem Gefundenen.
Aus den „Urformen“ – Kugel, Kegel, Eliptoide – heraus wurden seine Werke komplexer und schließlich zu menschlichen Formen. Im Laufe dieses Prozesses entwickelte er die hier weitergeführte Technik der Schichtung und Holzteilchen zu einem neuen Ganzen. Die generelle Beschäftigung mit Volumina und Oberflächen, Licht- und Schattenwirkung, die Sichtbarmachung des Prozesses als Überordnung führte zu einer Hinterfragung von Abstraktion und Gegenständlichkeit. Hiermit folgt Hans Schmidt einer bildhauerischen Tradition seit den Theorien des Internationalen Konstruktivismus, welche die Skulptur als rationell durchschaubare, klare Konstruktion mit elementaren Formen und Farben ansah. Bei Hans Schmidt wird der leere, eingeschlossene Raum als reinste Einheit zum Material.

Damit steht das reine Material einem Abfallprodukt gegenüber: Das scheinbar belanglose Holzstückchen wird im Kollektiv zum Kunstwerk erhoben, gleich den objets trouvées der Arte Povera. Hier fehlt jedoch der dem ursprünglichen Konzept der Arte Povera innewohnende gesellschaftspolitische Anspruch der 1960er Jahre. Für Hans Schmidt visualisieren die Figuren in ihrer Gruppierung jedoch sehr wohl Gesellschaftsstrukturen: Jedes kleine Detail zählt, jeder einzelne trägt maßgeblich zu einem wertvollen Ganzen bei und Lücken können nur durch das Zusammenhalt vieler überbrückt werden.
Der Zusammenhang zwischen den einzelnen Holzteilchen ist in einer größeren Dimension der Kommunikation der einzelnen Figuren durch ihre Gruppierung evident. Hans Schmidt untersucht durch die nonverbale Ausdrucksweise seiner Skulpturen soziale und gestische Fragen. Mit der Kommunikation wird gleichzeitig die Narration, die Erzählung dem Betrachter gegenüber evident. Und hier kommt wieder der Dialog ins Spiel: der Dialog zwischen Farbe und Gestik, der Dialog zwischen den Elementen, ein Dialog über soziale und gruppendynamische Theorien. Die Werke und Werkgruppen rufen Gedanken über unser Selbstverständnis hervor.

Ähnlich den unterschiedlichen Arten von Kommunikation wirken auch die Holzteilchen auf mannigfache Weise: manchmal erscheinen sie dicht gedrängt, manchmal lassen sie Spalten zu, die wie schwarze Löcher erscheinen, die neugierig auf das Dahinter machen, manchmal erlauben sie durch größere Abstände oder im Nachhinein entfernte Kreise sogar einen Blick ins Innere der Figur. Gepaart mit der jeweiligen Lichtwirkung scheinen die Holzteilchen zu vibrieren, lebendig zu sein. Der Oberfläche wird durch das Licht Leben eingehaucht. Somit wird auf diversen Ebenen ein Spiel von Gegensätzen aufgegriffen.
Gegensatzpaare tauchen im Werk von Hans Schmidt immer wieder auf: Figur und Abstraktion, Kommunikation und Schweigen, Gruppierung und Isolation, Abfall und formgebendes Material, Gewicht und Leichtigkeit, geschlossene Form und Transparenz, Innen- und Außenwelt. Die Figuren wirken gleichzeitig archaisch und sind doch voller Leben und Bewegung. Das Holz wird also zur Metapher, die Figur zur Metamorphose.

Auch wenn Hans Schmidts Arbeiten nicht der Arte Povera zugeschrieben werden können, so hat Germano Celants Beschreigbung des armen Künstlers dennoch auch für Schmidt seine Gültigkeit und umreist seine Intention betreffend: „Der arme Künstler ist ein Alchemist. Er entdeckt in gleichem Maße den magischen Charakter (der Reaktion und chemischen Zusammensetzungen), den naturnotwendigen Charakter (des vegetativen Wachstums), die Vergänglichkeit (der Materie), die Fehlbarkeit (der Sinne), die Gewalt von Naturphänomenen (Wüste, Salzsee, Meer, Schnee, Wald), die Instabilität (einer biophysischen Reaktion).“ (Bologna 1968)

Mag. Tina Teufel