Josef Brescher

Dialog der Kyoto Kumpels Eine Kunst-Wärme Kopplung in der Galerie „Feuerwerk“...

Figuren von Hans Schmidt bei der Unternehmensgruppe Binder Holz in Fügen, Tirol Von Mag. Josef Brescher

Kunst ist die älteste und wohl genialste Methode des Menschen, mittels Geist seine Umwelt zu verwandeln und zu veredeln. Veränderung von Materie unter Abgabe von Energie, dies kann man sowohl künstlerisch als auch vielen technischen Prozessen als Prinzip zu Grunde legen. Im Material Holz, und zwar in der speziellen Form von Abfallholz, treffen sich einige Linien, die zu einer in sich stimmigen und sich auf vielschichtige Weise gegenseitig interpretierenden Ausstellung in der Galerie FeuerWerk der Firma Binder in Fügen, am Eingang des Zillertals, geführt haben.

Die Umgebung des modernsten und energieeffizientesten Biomasse Heizwerks in Europa mag auf den ersten Blick als durchaus nicht ungefährliche Umgebung für Figuren gelten, die aus Holz hergestellt wurden. Genauer betrachtet befinden sich aber auf einem Areal, das gerade dem Werkstoff Holz die größte und sorgfältigste Aufmerksamkeit widmet, stellt dieses doch die Grundlage für eine ganze Reihe von Produkten, Prozessen und Projekten dar, die im Areal der Firma Binder zusätzlich als HolzErlebniswelt erfahrbar gemacht werden. Zeitgenössische Kunst ist für Andrea Binder, die den KulturRaum und die Galerie FeuerWerk betreut nicht schmückendes Beiwerk, sondern ein zentrales Anliegen, was man an den bisher gesetzten Aktivitäten bereits deutlich erkennen konnte. Die mehrfach preisgekrönte Architektur stammt vom Innsbrucker Architekten Helmut Reitter und der Vorplatz wurde von Lois und Franziska Weinberger gestaltet. Die Galerie im FeuerWerk wurde am 17. März 2005 mit Werken des Künstlers Alfred Haberpointner eröffnet, gefolgt von einer Herbstausstellung, in der Arbeiten des deutsch-polnischen Künstlers Ja de Weryha-Wysoczanski gezeigt wurden.

Inmitten einer Umgebung, in der das Material der Objekte industriell verarbeitet wird, wecken die teils lebensgroßen Holzfiguren des Seekirchner Bildhauers Hans Schmidt ganz spezielle Assoziationen, die durchaus auch makabre Aspekte haben. Der Künstler schafft mit einer subtilen Mischung aus definierter Körperhaltung bei gleichzeitig offener Gestik, durch die Gruppierung und Positionierung der Figuren, durch Farbe bzw. ihr Weglassen soziale Situationen, in denen aus Holzfiguren gleichsam Zeitgenossen werden. Als symbolische Platzhalter für leibhaftige Menschen schlüpfen sie in verschiedenste Rollen und gerade ihr naturgegebener hölzerner Charme lässt menschliches Wohl- und Fehlverhalten prägnanter hervortreten. Eine Gruppe Holzfiguren als fiktive Besucher in einem Biomasseheizwerk, das gleichzeitig HolzErlebnisWelt ist, könnte analog mit dem Besuch von Klonen in einer Beauty Farm verglichen werden, in der auch Organtransplantationen durchgeführt werden.

Der Künstler Hans Schmidt ist jedenfalls immer an allen, vor allem auch an den skurrillen Aspekten seines Werkes brennend interessiert, weshalb tatsächlich im Rahmen einer Filmaktion 2005 anlässlich eines internationalen Künstlersymposiums in Deutschland zwei seiner Geschöpfe die Feuerprobe erdulden mussten. Der dabei entstandene Film dialog-feuer (crossmedia, Jacek Grzesiowski) wird im multimedial ausgestatteten Projektionsraum der HolzErlebnisWelt als Premiere zur Eröffnung gezeigt. Diese theatralischen Extremsituationen sollen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Werk von Hans Schmidt dem Grunde nach ein kontemplatives ist, das in ruhigen Zwischentönen die klassischen skulpturalen Elemente Raum und Zeit mit sozialen Konnotationen verbindet. Die von der Entstehung her raue Oberfläche seiner Skulpturen wurde in der letzten Zeit vom Künstler des öfteren nicht nur roh und eckig belassen, wie die früheren Kunstwerke, sondern Farbe, Feuer und diverse Bohr-, Fräs- und Schnitteingriffe formten neue Oberflächen, die sehr akzentuiert ausfallen können, ja manche Figuren teils existentiell zu bedrohen scheinen. Zwischenräume, Zwischentöne sind bei Hans Schmidt mindestens so wichtig wie die feste Materie. Jenes moderne Raumkonzept, das den Denk- und Arbeitsweisen des Seekirchner Bildhauers zu Grunde liegt, lässt sich ähnlich wie die aktuellen physikalischen Raummodelle ohnehin nur aus der komplexen Wechselwirkung von Leere und Konzentration denken. Die Auflösung der statischen bildhauerischen Form durch Verschränkung mit dem nicht Vorhandenen, genauer dem leeren Umraum liefert somit erst jene Offenheit und Transparenz, die Hans Schmidt seinen Figuren anmisst.

Die Ausstellung Dialog lädt sowohl von den ausgestellten Kunstwerken als auch von der Umgebung, in der sie gezeigt werden zum Verlassen herkömmlicher Pfade ein. Während die Industrie lange Zeit mit den ästhetischen und kulturhistorischen Qualitäten ihrer Werkstoffe wenig anzufangen wüsste, die Künstler wiederum den merkantilen Ansprüchen der vermeintlich rational agierenden Technik skeptisch gegenüber standen, so zeigen gesamtheitlich gesehene Projekte über das Material Holz, wie bei der Firma Binder mit der Galerie FeuerWerk, der HolzErlebniswelt und dem KulturRaum, dass Technik immer einen starken Bezug zur Kultur besitzt und vice versa.

Eine Zusammenarbeit zwischen Industrie und Kunst, wenn sie, wie in diesem Fall von einem partnerschaftlichen Modell ausgeht und den Künstler nicht zum Bittsteller degradiert, kann für beide Seiten nur von Vorteil sein. Ein faszinierender und vertrauter Grundstoff wie Holz bedarf einer bewusst gestaltenden, handwerklichen oder künstlerischen Hand, um seine Qualitäten sichtbar werden zu lassen. Diese Tradition wird von Bildhauern, Tischlern und Zimmerleuten seit langem gepflegt, seit einiger Zeit finden sich auch innovative Mitstreiter aus der Industrie und Werkstofftechnik, die neuartige Einsatzgebiete finden und nutzen. Das Austesten der Grenzen, die Suche nach Neuem, die Verabschiedung von überholten Konventionen, der Wunsch, durch eigenes Denken und Handeln die Spirale der Erkenntnis weiter zu drehen sind sowohl in der Kunst als auch in der Wirtschaft starke Triebfedern und es scheint – mittlerweile – logisch, dass man dabei von den Erfahrungen der jeweils anderen Gruppe nur profitieren kann.

Hans Schmidt zeigt mit seinen Figurengruppen bei der Unternehmensgruppe Binder Holz, dass Form, Transformation, Energie, Kommunikation, Raum, Um-Raum, Um-Welt, Globalisierung und lokale Verantwortung längst keine Fragestellungen mehr sind, die isoliert voneinander betrachtet oder gar gelöst werden können. Innovative Ansätze wie das Gesamtkonzept des neuen Stammsitzes der Firma Binder Holz und konsequent verfolgte Themenstellungen wie jene des Künstlers Hans Schmidt lassen erkennen, dass bewusst gewählte Holzwege zielführender sein können als noch geradlinig scheinende Highways. Man kann Kyoto also ruhig in den Kamin schreiben, wenn aus diesem oben, wie von Binder versichert – reiner Wasserdampf herauskommt.

Mag. Josef Brescher